Wer hat dich im Leben begleitet, dem du vielleicht in den nächsten Tagen deine Dankbarkeit ausdrücken willst?

Als mein Professor mich vor zwölf Jahren nach meinem Abschlusskonzert in der Hochschule umarmte, glaubte ich zu spüren, dass er große Hoffnung in mich setzte, eine bedeutende Karriere hinzulegen. Ich dachte, er erwarte von mir mein Talent zu nutzen und die Bühnen der Welt zu erobern. Und ich wollte ihm diesen Wunsch so sehr erfüllen. Ich war so fixiert auf den Gedanken ihm zu gefallen, seine Zustimmung und seine Erlaubnis zu bekommen, dass ich mich auf dem Weg fast selbst vergessen hätte.  

Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon einige kleinere Engagements. Es lief alles gut. Im letzten Jahr meines Studiums hatte sich ein Schalter umgelegt und die Stimme klang rund, warm und weich. Eine “perfekte” Sängerin war ich nie, aber ich war ein interessantes Gesamtpaket.

Lange Zeit habe ich dem Gedanken einer großen Karriere und Zustimmung anderer meine Energie gewidmet. Gleichzeitig spürte ich diesen extremen Widerstand in mir: Einerseits wollte so gerne dem Bild der faszinierenden KünstlerIn entsprechen, andererseits wusste ich ganz genau, dass ich es in dieser Form gar nicht war.

Ich wollte nicht nur dem Bild entsprechen, sondern auch die Erwartungen anderer erfüllen. Ich durfte sie auf keinen Fall enttäuschen.

Schließlich war ich mit einem Talent geboren worden, dass lohnenswert war gehört zu werden. In meiner frühen Jugend sagte mal eine Sängerin zu mir:
»Weißt du deine Stimme klingt wie warme, flüssige Schokolade«

Und wer möchte schon auf den Genuss von warmer singender Schokolade verzichten?

Mein Professor und ich waren uns sehr nah. Das sind wir immer noch.

Anders: Wir sehen uns nicht mehr so oft, aber auf eine Art sind wir immer miteinander verbunden und werden es immer sein.

Er hat meine Tochter gesegnet. Er hat meinen Sohn gesegnet. Er hat mir und meinem Mann das Eheversprechen abgenommen und diesen unglaublich intimen Moment begleitet.

Er ist der Mann, der an mich während meines Studiums geglaubt hat, während andere nichts in mir sahen (zumindest zu Beginn). Ich wollte so gerne, dass ich ihm gefalle, dass er stolz auf mich sein könnte.

Dann: 2019 kurz bevor ich mit meinem Business online sichtbar wurde, fühlte ich mich schlecht. Ich hatte das Gefühl, ich hatte ihn schon enttäuscht. Ich habe es nicht zu der großen Karriere gebracht, die er von mir erwartet hatte. Ich war “nur” Ensemblemitglied und hatte keine großen Bühnen auf meinem Lebenslauf stehen. Ich hatte nicht die Rollen gesungen, die er sich von mir erhofft hatte. Auf eine gewisse Art konnte ich meine Versprechen nicht halten, die Erwartungen hatte ich gebrochen. Das Talent habe ich nicht so genutzt, wie es zu erwarten war.

Und jetzt würde ich mit anderen Dingen wie Marketing, Visionen und Philosophie sichtbar werden und wendete mich, äußerlich zumindest, vom Singen ab. Wie könnte man darauf stolz sein?

Relativ lange habe ich versucht nicht mit ihm darüber zu reden, es auf eine Art zu verheimlichen, mich zu verstecken.

Irgendwann tat ich es doch. Mit etwas Unausgesprochenem zu leben kam für mich nicht in Frage. Außerdem hatte er schon längst Wind davon bekommen.

Wir haben angefangen darüber zu sprechen. Eigentlich nie so richtig direkt, sondern eher beiläufig und da wurde mir einiges klar: Dieses Gespinst war in meinem Kopf.

Diese Idee, ich müsste mich beweisen und seine Erwartung erfüllen, kam von mir und nicht von ihm. Ich habe diese Erwartung alleine zu verantworten.

Die “Erwartung”, die mein Lehrer an mich hatte war, dass ich glücklich werde, mit dem was ich tue. Seine “Erwartung” war mich zu entfalten, meine Flügel auszubreiten und zu fliegen. Vielleicht hatte ich genau deswegen den Mut, "sichtbar" zu werden. Das habe ich jetzt verstanden, nach so langer Zeit.

Ich habe nach der Erlaubnis und der Anerkennung gelechzt, die schon längst da war.

Manchmal rennen wir Dingen hinterher, die wir gar nicht wollen oder die uns müde machen, nur weil wir so gerne so sein wollen, wie andere uns sehen. Dabei vergessen wer wir wirklich sind.

Mein Lehrer sagt es nie in konkreten Sätzen, aber ich spüre in unseren Gesprächen, wie stolz er ist auf die Arbeit, die ich in diese Welt bringe. Wie sehr es ihn bewegt, dass da noch mehr in mir schlummert und ich mir nicht zu schade bin, diesen Teil zu leben. Ich spüre seinen Respekt mir gegenüber als KünstlerIn, Lehrerin, UnternehmerIn, Mutter und Mensch. Dieses Gefühl, dass er mir unbewusst gibt, hat die Fesseln, die mich aufhalten, zerrissen. Eigentlich hat er schon länger an mich geglaubt, als ich an mich selbst.

Nun sind die Fesseln weg: ich habe das Gefühl des Enttäuschens, des Brechens von Erwartungen ad acta gelegt.

Ich bin keiner Person irgendetwas schuldig, außer mir selbst. Ich bin es nur mir schuldig, mit mir im Reinen zu sein und das zu tun, was ich für richtig und wichtig halte.  

Und noch etwas habe ich endlich gesehen: Er hat mir die Vielfältigkeit vorgelebt.

Es war direkt vor meinem Auge: Denn er ist viel mehr als “nur” Professor. Er hat nochmal neben der Professur studiert, ist Ordensbruder, begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg, schreibt Bücher, denkt an eine eigene Praxis, singt, lehrt und stellt sich täglich den Symptomen einer chronischen Krankheit wie ein Held gegenüber, ohne dabei seine positive Grundhaltung zu verlieren. Er ist so viel mehr als “nur” Professor. Er ist mein Freund, Begleiter, Mentor und Vorbild. Und dafür bin ich unglaublich dankbar.


Und während ich das schreibe, laufen mir die Tränen über meine Wangen. Das wollte ich schon so lange sagen. Der Knoten ist geplatzt. Heute bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich bin dankbar für die Menschen, die mich sehen und begleiten und frage euch noch einmal: Wem möchtet ihr danken?  

Eure

Sandra

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